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Renaissance: Briefe an den Kader

8. März 2010 – 17:08 von Dohm

Liebe Freunde,

jene rauen Zeiten, die von manchen unter uns als die »Binaries« bezeichnet werden, sind geprägt vom geistlosen Datenmulchertum, hektischer Twitterei, ähnlichem Onlinegefasel via Chat sowie Internetvollabstinenz. Zugegebenermaßen hat das Web 2.0 die Unkunst weitergebracht, in dem Sinne, dass es sie pflaumweich immer tiefer in ihren eigenen Sumpf gezogen hat. Ich bin der letzte, der soetwas kritisieren möchte. Es liegt nunmal in der Natur der Unkunst und auf diese Weise ist sie beim durchschnittlichen »User« angekommen. Begrüßenswert! Kaum jemand kann es besser verstehen als ich, was es für eine geheime Freude ist, Internetseiten der Verwahrlosung und Vergessenheit zu überantworten um neuere, noch kurzlebigere Projekt in Angriff zu nehmen und genausoschnell auf Servern in der ganzen Welt einzufrieren, abzudecken und fragmentiert bedeutungslos werden zu lassen. Degeneration um der Degeneration Willen ist ein alter Traum der Unkünstler, aber nicht der Gegenstand der Blogkade, die vielleicht als unkunstnah betrachtet werden kann, aber selten eine primäre unkünstlerische Plattform war.

Obwohl die ganze Sache eigentlich nicht in meinen Fachbereich fällt Hastiger_Briefschreiber_und_Postillon- beziehungsweise Vourteile zu meiner oft angepriesenen Technikmuffeligkeit zu bestätigen scheint – möchte ich folgend die Anfänge und Entwicklung unseres geliebten Blogs beleuchten. Wenn ihr euch einmal die Mühe macht und in den frühen Schubladen der Blogkadearchive stöbert, werdet ihr bemerken, dass die – nach der Definition des World Wide Webs – urzeitliche Blogkade noch ein wenig anders aussah, als wir sie heute kennen. In den ersten Beiträgen war es noch üblich, eine Form zu wählen, die eher einem offenen Brief, als dem typischen Blogeintrag ähnelte. Etwas später wurden zwar die Anrede sowie eine Unterschrift des Schreibenden weggelassen, jedoch vom Charakter her blieben es Briefe an den Kader. Bald darauf mischten sich erste Berichte über Filme, theoretische Betrachtungen zu Comics etc. unter die Rauf- und Saufgeschichten. Da es von Anfang an erklärtes Ziel der Blogkade war, einen gemeinsamen kulturellen Hintergrund zu erhalten, der sowohl Schlüsselereignisse als auch mediale bombastica et curiosa umfassen sollte, war dies mehr als legitim. Unter diesem Stern standen ab einem bestimmten Zeitpunkt auch solche Beiträge, die ausschließlich auf Fremdinhalte verwiesen und für die letztendlich die Rubrik der Miniposts eingeführt wurde, um den Hauptstreifen für Texte aus eigener Feder freizuhalten. Doch man gewann immer mehr den Eindruck, dass die Blogkade im Zuge der Kampagne »Quantität vor Qualität« langsam zur ersten Adresse für die Befriedigung von Essayisten- und Comiczeichnerneurosen verkam. Die jüngste Geschichte kennen wir. Sie hat die Blogkade in die Stagnation getrieben und nur das schlechte Gewissen zwingt monatlich eine arme Seele, den Anstandsartikel zu verfassen.

Ich möchte daher dazu einladen, die Blogkade wieder als einen Kanal für Briefe an den Kader zu begreifen und auch bzw. gerade die Geschichten zu veröffentlichen, die ansonsten an den seltenen Kneipenabenden erzählt werden müssen und daher vor lauter Gerede kaum jemand sein Bier herunterbekommt.

Ich selbst werde höchstpersönlich mich dieser Aufgabe mitwidmen – aber jetzt, liebe Freunde, muss ich noch dringend etwas in den Datenmulch schicken.

Daher adieu, die Leertaste gewetzt!

Mit festem Händedruck und edlem Blick,
Dohm

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Gold für Jeffrey

8. März 2010 – 11:24 von David Prochnow

Endlich. Seine Dudeheit höchstpersönlich wird mit einem der wichtigsten Filmpreise der Welt ausgezeichnet: Jeff Bridges erhält den Oscar als bester Hauptdarsteller in Crazy Heart. Ein Kommentar zu den Auswirkungen, die das im Nachhinein auf The Big Lebowski hat.

Kulturhistorisch verdanken wir dem Dude ohnehin schon viel. Er machte für uns arme Sünder die Penner, auf die die bürgerliche Gesellschaft einen Dreck gibt, zu coolen Underdogs und Helden der kleinbürgerlichen Gesellschaft. Die Verachtung schlägt dem Protagonisten von allen Seiten der ‘Stadt der Engel’ entgegen. Die Vertreter von Geld- und Sexadel, künstlerischem Establishment und staatlichem Sicherheitsapparat, sie dringen in seine Privatwohnung ein, urinieren auf seinen Teppich, verhöhnen und berauben ihn. In einer zentralen Szene des Films wird dem Dude gar vorgeschlagen “es wie seine Eltern zu machen” und sich einen Job zu suchen – sich also assimilieren zu lassen. Dass der Held in jener Szene seine Augen mit einer Sonnenbrille verdeckt (eine Handlung die mehrfach im Film variiert und dargestellt wird, hier aber leider nur einer exemplarischen Analyse unterzogen werden kann), verleiht ihm, dem Arbeitsunwilligen, nicht nur die bereits eingangs genannte Coolness, sondern darüber hinaus einen Anschein von blinder, justitialer Gerechtigkeit: “Der Dude macht […] gute Miene zum bösen Spiel.” und geht nicht auf das unmoralische Angebot seines Gegenüber ein.
Dieses Gleichgewicht wird auch im sozialen Umfeld des Dudes wiedergegeben: Seine Bowlingkumpanen, Donny und Walter, geben gleichsam die innere Zerrissenheit des Dudes wieder: Lockerer Pazifismus oder sich endlich gegen die ganzen Fremden, die ihn “in den Arsch ficken” zur Wehr setzen? Dass The Big Lebowski hier Hamlets klassisches Sein oder Nicht-Sein-Dilemma aufwirft, ja dass des Dudes “gute Miene” nur eine Seite des dramatischen Mienenspiels Komödie gegen Tragödie ist, wird um so deutlicher, wenn er, unter Drogen gesetzt, einmal aus sich heraus geht und einen Vertreter des Staatsapparates, mithin der bürgerlichen Gesellschaft an sich, als “Faschist[en]” tituliert.
Dass der Dude letztlich auf den Rat seines Antagonisten Mr. Lebowski hört und es “wie [seine] Eltern” macht, nämlich einen “kleinen Lebowski” auf den Weg bringt, muss als Affront gegen den alten Mann verstanden werden. Pflanzt doch der Dude hier sein Erbgut in den Stammbaum des Geldadels ein, während er, der in den Arsch gefickte, um einmal in der Sprache unserer Zeit zu bleiben, das Establishment fickt. So sind auch die abschließenden Worte des Strangers zu verstehen: Ein kleiner Lebowski ist unterwegs und das ist vor allem deshalb so beruhigend, weil es den Zusammenfluss der gesellschaftlichen Schichten verdeutlicht.

Dass The Big Lebowski bis heute von der Realität Hollywoods nicht in dieser Breite anerkannt worden ist, unterstreicht noch einmal die beißende Kritik der Coens an ihrer Umgebung: Los Angeles wird zwar Stadt der Engel genannt und Hollywood Traumfabrik, doch so scheinen sie ihnen eigentlich nicht vorzukommen. Da wundert es wenig, dass die oberen der Filmwelt, dieses große Werk des ausgehenden 20. Jahrhunderts nie mit den Preisen bedacht haben, die es verdient.
Erst in den letzten Jahren relativiert sich diese Haltung ein wenig. Spätestens mit dem Oscar für No country for old men sind die Coens in Hollywood angekommen. Die coolen Underdogs gelangen zu der ihnen zustehende Anerkennung.
Dass nun endlich auch Jeff Bridges, der – wie sein Namensvetter aus der Erzählwelt der Coens – bislang nicht die ihm zustehende Anerkennung erhalten hat, mit dem wichtigsten Filmpreis Los Angeles’ (womit er unter den wichtigen Filmpreisen weltweit eine wichtige Rolle spielen dürfte) ausgezeichnet wird, rückt selbstverständlich auch seine Paraderolle als Jeff Lebowski in ein neues Licht. Er selbst scheint das zu wissen, wenn er am Rande der Gala noch einmal sein Alter-Ego zitiert.
Man kann nur hoffen, dass The Big Lebowski nun zunehmend von den Etablierten der Gesellschaft zur Kenntnis genommen, rezipiert und gelebt wird.

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Für solche Sätze zahlen auch wir gerne Rundfunkgebühren

22. Februar 2010 – 20:23 von Cobernuss

“…aus der Kamera raus fliegt Chris Delbosco [...] dann dauert es und auf Einmal fällt er vom Himmel. [...] Das sind bestimmt fünf/sechs Meter und da bombt er volle Pulle ein!”

http://olympia.ard.de/olympia/mediabox/videos/videos102_id-video850_-782734ca5d15b794045116381bf904083906b860.html

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Is it po…..

14. Februar 2010 – 15:03 von Frederik Wilhelmi

Eigentlich wollte ich Google folgendes fragen: “Is It possible to be happy?” Nicht weil ich mich grade auf Sinnsuche befinde, sondern weil Scientology bei den Suchergenissen dieser Frage den ersten Platz belegt und “man” (reddit, Digg und sowas) grad versucht ihnen Konkurrenz zu machen.

Leider bleib die Recherche stecken weil Google sich bei seinen Suchvorschlägen ein weiteres Mal selbst übertraf:
Google

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The Catcher is gone.

29. Januar 2010 – 16:36 von Frederik Wilhelmi

Eigentlich wollte ich auch einen kleinen Nachruf schreiben, aber The Onion hat J. D. Salinger bereits in einer Art und Weise gewürdigt, der es nichts hinzuzufügen gibt. Bunch Of Phonies Mourn J.D. Salinger.

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OpenID

19. Januar 2010 – 19:24 von David Prochnow

Na endlich!, werden sich Paul und Freddi denken, wenn sie diese Zeilen lesen. Und auch Mathis wird hinter einenr stoisch-starren Miene innerlich jubilieren, ob dem was hier nun folgt. Nur dem Dohm wird die technische Entwicklung wieder einmal zu Denken geben, denn wie hinter Tags, Twitter und Schnurlostelefon wird er auch hinter OpenID eine überflüssige Erfindung vermuten. Da kann ihn auch die überschwängliche Begeisterung Andrés nicht überzeugen, für den die nun beschriebene Entwicklung fast schon zu spät kommt.

openid Um es kurz zu machen: Die BlogKade unterstützt neuerdings OpenID. Das bedeutet, dass Ihr Eure BlogKade-Benutzerkonten absofort mit Euren sicherlich schon in Hülle und Fülle vorhandenen OpenIDs anreichern könnt und Euch dann damit einloggen. Endlich muss sich niemand mehr sein kompliziertes BlogKade-Passwort merken, endlich ist es möglich sich nahtlos vom Kommentarfeld aus einzuloggen. Das ist megaknorke Leute!

Und nicht nur das! Außerdem könnt Ihr Eure einfache und kurze BlogKade-Autoren-Adresse selbst in Zukunft als OpenID einsetzen. So könnt Ihr Euren persönlichen BKA-Schlüssel für tausende und abertausende Websites auf der ganzen Welt benutzen. Ist das nicht dufte?

Zu weiteren Fragen, bemüht die Kommentare. Eine etwas schönere OpenID als die der BlogKade kann man zum Beispiel auf myopenid registrieren. Alternativ könnte ich Euch auch schicke zyklusb.de-IDs registrieren… .

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Obviously thou art not a golfer.

12. Januar 2010 – 23:25 von Frederik Wilhelmi

Für die, die es noch nicht gesehen haben.

The Big L. In Shakespearean English.

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The Battle of the Saintes

5. Januar 2010 – 12:28 von Frederik Wilhelmi

Kleine millitärhistorische Geschichtsstunde:
Beim Seekampf zu/bei Saintes, einem Gefecht der Royal Navy gegen eine spanisch-französische Flotte im Zuge des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs, kam es zu einer kleinen taktischen Revolution. Bis zu diesem Sieg hatte sich die Royal Navy immer an eine starre Doktrin gehalten und Kämpfe in der sogenannten Line of Battle ausfochten. Dabei stellt sich die Flotte in einer möglichst geraden Reihe auf, fährt an der gegenerischen vorbei und feuert aus allen Rohren. Wenn das die anderen genau so machen und ähnlich gut ausgerüstet ist, wird das nichts mit dem entscheidenen Sieg, sondern beide Seiten fügen sich ungefähr den gleichen Schaden zu (es sei den man steht auf der Luv-Seite (die dem wind-zugekehrte Seite) des Gegners, bleibt außer Reichweite und feuert weitreichende Ketten-Kugeln ab, die die feindlichen Maste kappen. Diese fiesen Franzosen).

Beim Battel of Saintes nun trieb ein günstiger Wind mehre Schiffe aus der englischen Line of Battle mitten durch die französische hindurch. Das sogenannte “Crossing the T”, eine Taktik die es ermöglicht den Gegener zu “raken” also ins Heck zu ballern, wo er am wehrlosesten und verwundbarsten ist. Genial, aber ich glaube, dass es sich um absoluten Zufall handelte. Zumal der Commandore Sir George Rodney anscheinend so verwundert war, dass er vergaß die fliehenden Franzosen zu verfolgen. Für einen Adeltitel hats dennoch gereicht. Also Ehre wem Ehre gebührt.

Ein hübsches kleines Detail noch. Alle Schiffe haben für die damalige Zeit und für das zeitlos humorlose Militär typische Namen: Agamemnon, Ajax, Magnificent, Conqueror, Monarch, Hercules, Formidable, Warrior etc. Nur ein Captain verspürte wohl den Drang, ob dieses Aufgebots an klassischen und anmaßenden Namen, sein Schiff “Arrogant” zu nennen.

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Die neuen Batmanfilme und die Grundlagen der Moralphilosophie

2. Januar 2010 – 14:23 von Frederik Wilhelmi

Als ich Batman Begins zum ersten Mal sah, dachte ich das Thema des Films sei die Angst. Zum einen verkörpert durch Batman, der die Gestalt der Fledermaus wählt, weil sie seine eigenen Angst repräsentiert und weil sie ihm einen Vorteil im Kampf gegen die Kriminellen (dem abergläubischen Pack) verschaffen kann. Die perfekte Ergänzung für einen solchen Helden ist Scarecrow, der ebenfalls mit Angst arbeitet, sie aber „künstlich“ herstellt, also mit Hilfe einer Chemikalie auslöst. Aber die Rolle von Scarecrow war nicht so ausgeprägt und es gab einen zweiten Konflikt mit einem zweiten Gegener, dem sehr viel mehr Raum zur Verfügung gestellt wurde und der auch in „The Dark Knight“ wieder auftauchte. Es handelt sich um den Konflikt zwischen zwei grundlegenden Konzepten der Moralphilosophie: Der deontologischen Ethik und dem Konsequentialismus.

Der Konsequentialismus lässt sich populistisch kurz als „Der Zweck heiligt die Mittel“ zusammenfassen, seine berühmteste akademische Manifestation ist der Utilitarismus von Jermey Bentham. Nach dieser Ethik ist immer jene Handlung „gut“, die das Wohlbefinden möglichst vieler Menschen steigert.
Die Deontologische Ethik wiederum macht den Wert einer Handlungen nicht an ihren Konsequenzen fest, sondern behauptet, dass jede Handlung einen moralischen Wert an sich hat. Die populistische Vertretung macht in diesem Fall Jesus Christus mit dem Satz, dass man seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll. Jede moralische Handlungen muss also danach beurteilt werden, ob man sich selbst gegenüber genau so handeln würde, unabhängig von ihren Konsequenzen. Akademisch aufbereitet hört sich das dann folgendermaßen an: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Der kategorische Imperativ von Kant.

Batman ist wohl kaum jemand der sich an den kategorischen Imperativ hält. Ein allgemeines Gesetz, dass jedem Bürger, der Lust und Zeit hat, erlaubt sich Fledermaussachen anzuziehen und auf Verbrecherjagd zu gehen, ist nur schwer vorstellbar und nicht besonders wünschenswert. Insofern ist er ein Konsequentialist. Er erschreckt und foltert und bricht das Gesetz, weil er Gotham für die ehrlichen Bürger sicherer machen möchte. So kann man sagen, Scarecrow des Aspekt der Angst, der auch Batman innewohnt, übertreibt und pervertiert. Der Hauptbösewicht in Batman Begins ist jedoch Ra´s al Ghul, der einem derart radikalen moralischen Konsequentialismus folgt, dass er für Batman zum Gegner wird. Als Anführer einer uralten Sekte, die sich der Verbrechensbekämpfung verschrieben hat, meint al Ghul, dass es das einfachste wäre Gotham City mit all seinen Verbrecher zu opfern und damit ein Exempel zu stationieren und die Welt (die Mehrheit) sicherer zu machen. Die Vernichtung seiner Heimatstadt bewertet Batman aber völlig unabhängig von den Konsequenzen als schlecht und kämpft gegen Ra´s al Ghul, um sie zu verhindern. Batman wird so zum Beschützer aller Menschen von Gotham, auch ihrer Verbrecher.

Soweit so simple. Kommen wir zum zweiten Film und zu zwei sehr viel interessanteren Bösewichten: Harvey „Two Face“ Dent und der Joker. Dent ist zunächst ein klarer Vertreter der deontologischen Ethik, er hält sich an die Gesetze und nutzt sie, um auf die „richtige“ Art und Weise gegen das Verbrechen zu kämpfen. Batman erkennt das und sieht in ihm den „weißen Ritter“ der Gotham die Rettung geben kann, die er als moralisch zwielichtige Persönlichkeit nicht geben kann.
Welche Ethik vertritt dahingegen der Joker? Keine und Alle. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wolle er nur Chaos verbreiten. Dies ist zu einem gewissen Punkt wahr, aber es handelt sich vor allem um ein moralisches Chaos. Er versucht Menschen zu zwingen ihr moralisches Bewertungssystem zu wechseln, in dem er die Anreize verändert. Um das näher zu erläutern: Ein kleiner Exkurs:

In seinem Einführungsvortrag über Ethik beschreibt der Politikphilosoph Michael Sandel folgende Situation. Man sitzt am Steuer eines LKWs, man ist bergab unterwegs und die Bremsen gehen kaputt. Auf der Straße stehen fünf Menschen, die man alle überfahren würde, wenn man den LKW nicht auf eine Nebenstraße lenkt auf der nur ein Mensch steht. Die meisten Havard Studenten sind anscheinend bereit den einen Menschen zu opfern.
Darauf beschreibt die Sandel die Situation neu: Diesmal steht man auf einer Brücke unter der der bremsenlose LKW durch muss, bevor er die 5 Menschen überfahren kann, neben einem steht ein sehr dicker Mensch und wenn man ihn vor den LKW werfen würde, könnte damit der Tod der fünf Menschen verhindert werde. Die meisten Menschen entscheiden sich gegen den Mord am dicken Menschen, obwohl es prinzipiell die gleiche Handlung wäre.

Diese Abänderung der Situation ist genau das was der Joker tut. Bis zu einem gewissen Punkt sind sowohl die Bürger als auch sein Alter Ego Bruce Wanyne zufrieden mit Batmans Tätigkeit. Sie nützt den meisten Menschen. Bis zu dem Zeitpunkt an dem Joker anfängt Menschen zu töten, solange Batman sich nicht offenbart. Gothams Bürger müssen die Situation neu bewerten.
Dann entführt Joker Harvey Dent und Batmans Herzallerliebste und baut die Situation so auf, dass Batman nur einen der beiden sicher retten kann. Die Entscheidung sollte klar sein: Die Rettung Dents ist auf jeden Fall „for the greater good“, von ihm ist die Aburteilung der Hälfte aller organisierten Kriminellen in Gotham abhängig. Aber ohne zu zögern macht Batman sich auf den Weg um Rachel Dawes vor dem Flammentod zu retten. Dass der Joker ihm die falsche Adresse gegeben hat und er so doch Dent rettet, macht ihn dann zu einem unfreiwilligen Konsequentialisten.

Ein weiteres Beispiel: Der korrupte Mitarbeiter von Wayne Enterprises verkündet öffentlich, dass er das Batman-Geheimnis auflösen würde. Nun ändert der Joker die moralische Beurteilung der gesamten Gothamer Bevölkerung. Würden diese einen Mord normalerweise als absolut falsch betrachten (und damit deontologisch handeln) macht die Drohung des Jokers ein beliebiges Krankenhaus in die Luft zu jagen, alle Bürger mit kranken oder verletzten Angehörigen zu potentiellen Mördern und zu radikalen Konsequentialisten.

Zurück zu Harvey Dent. Dessen moralischer Kompass wurde auch vom Joker umgepolt. Von Schmerz und Trauer erschüttert, überzeugt der Joker ihn, dass er seine Handlungen nicht länger an den Gesetzen und seinem reine Gewissen ausrichten kann. Aber Two Face wird kein Konsequentialist, viel mehr bleibt er einer deontologischen Ausrichtung, seiner persönliche Moralphilosophie treu. Weiterhin bewertet er jede Handlungen für sich, ohne Beachtung ihrer möglichen Folgen, aber das Bewertungssystem wird pervertiert, weil er jede seiner moralischen Handlungen nun von einem Münzwurf abhängig macht.

So kommt es zum großen Finale. Der Joker hat zwei Fähren, die zur Evakuierung Gothams genutzt werden, mit Sprengstoff ausgestattet und auf beiden Schiffen den Zünder für die Bombe des anderen Bootes deponiert. Den Passagieren wird mitgeteilt, dass sie eine Stunde Zeit haben, um den Zünder zu betätigen. Sollte nach Ablauf der Zeit immer noch beide Fähren schwimmen, werden beide in die Luft gesprengt. Um die Situation komplizierter zu machen, sind auf der einen Fähre Häftlinge aus dem örtlichen Gefängnis und auf der anderen „normale“ Bürger. Eine moralische Handlung, die eigentlich die eines Massenmörders ist, nähmlich die Sprengung eines vollbesetzten Bootes, wird so zu einer durchaus vernünftigen Option.
Die Bürger handeln als Utilitaristen: Eine Mehrheitsentscheidung soll bestimmten, was für das Wohl aller das Beste ist. Der Fehler liegt darin, dass man bei einer solchen Entscheidung eigentlich alle beteiligt seinen müssten, die davon betroffen sind. Aber wie einer der Bürger sagt, verlieren Häftlinge gewisse Bürgerrechte. Sie sind zum Beispiel nicht länger an Entscheidungen beteiligt, die die Gesellschaft als Ganze betreffen. Dass heißt sie dürfen nicht mehr wählen. Die Bürgerfähre entscheidet sich zum Massenmord, aber niemand wagt es tatsächlich den Zünder zu drücken. Die entscheidende Tat wird nicht durchgeführt.
Auf dem Gefängnisschiff läuft es andersherum ab. Ein Gefangener beschließt alleine und deontologisch, was das moralisch richtige ist. Er führt die entscheidende Handlung durch und wirft den Zünder über Bord. So haben beide Boote, das eine weil niemand die Verantwortung für einen Massenmord übernehmen wollte, das andere weil jemand die Verantwortung für ein Massenselbstopfer übernehmen konnte, dem Joker widerstanden. Nicht alle schwören ihrem moralischen Kompass ab, so bald ihr eigenes Leben in Gefahr ist.
Was bedeutet das nun alles? Zunächst einmal wage ich die Vorhersage, dass Christopher Nolan wohl keinen dritten Batman Film mehr machen wird. Zumindest wenn die Grundlagen der Moralphilosophie tatsächlich sein wichtigstes Thema war. Zum einen weil es relativ gründlich abgehandelt wurde und zum anderen weil es einfach keinen weiteren Batmanbösewicht gibt, der so mit dem moralischen Aspekt des Batmans spielt, wie Ra´s al Ghul, Two Face und der Joker. Aber vielleicht fällt Nolan ja noch was ein. Die Anreize sind bei einem der ertragsreichsten Filme aller Zeiten schließlich riesig.

Außerdem stellt sich für mich die Frage, ob ich die Filme mit Kenntnis der moralphilosophischen Tiefe besser finde? Schwer zu sagen. Ich muss mich fragen was tatsächlich zum Plan des Autoren gehört und was ich nur selbst herein interpretiert habe. Dabei wirkt es allerdings so, als habe Nolan Batman Begins das Thema Moral nur angeschnitten (und leider auch etwas plump), während es in The Dark Knight bestimmend und durchgehend ist. Vielleicht ist es das was The Dark Knight nicht nur zu dem besseren Batman Film macht, sondern auch zu einem guten Film.

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Wanderpokal-Durchreiche 2009

23. Dezember 2009 – 17:23 von David Prochnow

Lieber Kader,

Wieder einmal neigt sich ein aufregendes BlogKade-Jahr dem Ende entgegen. Klar, dass da die traditionelle Weitergabe des BKA-Wanderpokals nicht fehlen darf. Ich schlage vor die Abstimmung über den glücklichen Gewinner von Ruhm, Ehre und schwerer Bürde heute Abend um 21.00 Uhr MEZ, im Rahmen der BKA-Vollversammlung durchzuführen. Bis dahin sind auch die Nominierungslisten geöffnet.

Mögen die Spiele beginnen!

P.S.: Dohm, denk an den Cup!
P.P.S.: Entschuldigt die Kürze und mangelhafte sprachliche Brillanz dieses Beitrags. Ich schreibe ihn im Zug auf dem Telefon. – Gegenwärtiger Halt: Langerwehe.

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